Sonntag, 15. Januar 2017

Die richtige Grösse finden

In Nähgruppen und Schnittmusterbewertungen lese ich sehr oft darüber, dass ein Schnitt grössengerecht oder eben nicht grössengerecht ausfallen würde. Wenn ich folgendes lese:

"Mein Kaufgrösse ist eigentlich 40, ich trage immer 40 und hier musste ich eine 44 nähen. Dort kauf ich sicher nicht mehr!"

braut sich in mir eine Gefühlssuppe zusammen. 

Zum einen lese ich daraus für mich: Ok, hinter dem eBook steckt jemand, der tatsächlich mit Grössentabellen arbeitet. Das ist auf jeden Fall ein Pluspunkt, weil man heute ja leider etwas aufpassen muss, welche Schnittmuster man kauft. 
Und zum Anderen sehe ich hinter der Aussage eine fette Lüge. Eigentlich könnte das mir ja egal sein, die Frau kann sich ja mit ihrer Grösse beschummeln wie sie mag, aber hier wird ein eBook wegen mangeldem Wissen und und einem unreflektiertem Handeln abgewertet. 

In diesem Beitrag soll es gar nicht mal um meine Schnitte gehen. Alle meine eBooks enthalten ja bereits ein Kapitel darüber. Ich lese das aber über wirklich viele Schnittmuster.

Prinzipiell fallen die (AnniNanni-)Schnitte immer ihrer Größe gerecht aus. (Und ich habe auch noch nie eine andere Erfahrung mit Burda oder Ottobre gemacht) Das heißt, dass sie nach der Standardtabelle, geltend für den deutschsprachigen Raum, konstruiert werden. Je nach Schnitt wird entweder ein Dehnungswert oder ein Mehrwert mit einberechnet.


Die Maße der Tabelle sind Durchschnittswerte, die aus Reihenerhebungen hervorgegangen sind. Natürlich entspricht nicht jede Frau einem Durchschnittswert, sondern hat ganz individuelle Maße. 

Das Besondere am Nähen ist, dass du diese berücksichtigen kannst.

Wenn zum Beispiel dein Taillenumfang dem Maß einer größeren Größe entspricht als dein Brustumfang, dann wechsle beim Schnittmuster ab der Taille abwärts in die nächst größere Größe. Umgekehrt geht das natürlich genauso. Du zeichnest einfach eine schräge Linie ein, die die Linie der einen benötigten Größe mit der Linie der anderen benötigten Größe verbindet.



Aber Achtung, nun kommt die Kaufgrösse:

 Kaufhäuser arbeiten oft mit eigenen Größen. Das hast du vielleicht schon selbst festgestellt. So hat eine Größe 40 bei xyz ganz andere Abmessungen, als eine 40 bei X&Y und nochmal andere als in einem Laden, dessen Zielgruppe Frauen mit größeren Größen sind. Die eine Kaufgröße gibt es also gar nicht. 
Ich, als schlanke Frau (ich schwanke übrigens in der Tabelle zwischen Gr. 38 und 40), habe in meinem Kleiderschrank von Gr. 34 - 42 alles liegen. Wer mir erzählt, er habe aber wirklich immer DIE eine Grösse, den frage ich, ob er wirklich niemals ein Kleidungsstück anprobieren musste und noch nie mit mehreren Kleidergrössen in einer Umkleidekabine war.

Nun höre ich schon die Näherin, die sagt, dass sie aber wirklich immer nach Tabelle nähen würde und die Sachen sind dennoch zu eng/weit/sitzen nicht. 

Oft sind nur die wichtigesten Werte in den Masstabellen angegeben. Bei einer Hose vielleicht die Beinlänge und der Hüftumfang. Bei einem Oberteil der Brust- und Taillenumfang. Aber in Grössentabellen sind alle Frauen 168 cm gross. In Wirklichkeit sind wir das natürlich nicht. Und in Wirklichkeit haben wir auch in der Länge ganz verschiedenen Proportionen. Da kann es sein, das eine Unterbrustteilung ganz falsch sitzt, weil die Frau zwar 168 cm gross ist, aber eben sehr kurze Beine hat und einen wesentlich längeren Oberkörper als die Durchschnittsfrau. Ein kritischer Blick in den Spiegel lässt dich das vielleicht schon erahnen und sollte dich dazu bewegen erstmal ein Probestück aus einem günstigeren Material zu nähen. Alle Änderungen musst du dir notieren und kannst sie direkt beim nächsten Mal anwenden. 

Was auch nicht vergessen gehen darf ist, dass viele Kleider so eng/weit sein sollen und das tatsächlich so gewollt war. Wenn man ein Schnittmuster erstellt entscheidet man sich für eine Passformklasse. Man gibt dann entsprechende Zugaben zu den Massen dazu. Jenachdem ob es ein Dirndl oder eine Jacke werden soll, kann zwar der gleiche Grundschnitt dienen, wird aber mit anderen Zugaben berechnet. 

Und so kann es auch sein, dass du einen Pulli viel zu eng empfindest, es aber so von der Designerin angedacht war. Dann ist das Schnittmuster nicht falsch, eben nur ein anderes Modell, als du eigentlich gesucht hast.


Liebe Näherinnen, wenn ihr wieder einmal von Kaufgrössen lest, lest drüber hinweg und merkt euch den Schnittmusternamen, das wird nämlich besser sein, als sein Ruf. 

Und nicht zuletzt: Um etwaigen Nähfrust entgegen zu wirken, habe ich ein Kleines Piktogramm gezeichnet. Ihr könnt es euch ausdrucken, euch vermessen und eure Masse eintragen. Dann an die Pinnwand hängen und das nächste Mal nicht aus falscher Faulheit eure Kaufgrösse nähen, sondern nur einen kleinen Blick auf die Karte werfen.


Viele Grüsse AnniNanni





Kommentare:

  1. Liebe Anni, die Schwierigkeit haben wohl wirklich viele. Vor kurzem hat darüber schon eine Bloggerin und Schnittmusterherstellerin geschrieben. Der Artikel und auch deiner haben mir gut geholfen, wobei ich noch nicht wirklich unpassend genäht habe, vielleicht nicht immer 100% sitzend, aber dann bin ich eben selber Schuld gewesen. Ich werde jetzt aber auch dazu übergehen, zwei Größen miteinander zu kombinieren. Da ich mich jeden Mal wieder neu ausmesse, weil ich es wieder vergessen oder den Zettel verlegt habe, würde ich dein Bild gerne nutzen, aber ich bekomme es nicht ausgedruckt. Was muss ich machen? Wenn ich es anklicke, wird es nur größer, sonst nichts. Ich geb aber zu, dass ich auf diesem Gebiet unterirdisch bin. Schnitte von dir habe ich übrigens auch hier zu liegen, warte aber noch auf den passenden Stoff, obwohl der Schrank voll ist.
    Liebe Grüße Angelika (Angels_made@web.de)

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    1. Jetzt antworte ich mal selbst, damit du gleich siehst, wohin das gehört. Ich habe das mit dem Piktogramm und der Tabelle doch noch geschafft, lieben Dank dafür, vielleicht bleibt mir das dann erhalten und ich muss nicht jedes Mal neu messen.
      Liebe Grüße Angelika

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  2. Eigentlich weiß ich das alles - aber ich muss es mir immer wieder mal vor Augen führen (lassen). Meine "Kaufgröße" schwankt auch zwischen 38 bis 42. Worauf ich bei Selbernähen verzichte ist eine Taillierung. Das lässt sich schnell mit einem geraden Strich zwischen Armausschnitt und Bund machen. Ich mag es eben nicht so körperbetont - mein persönlicher Geschmack.
    Vielen Dank für Deinen Post!
    Liebe Grüße, Inge

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  3. Herzlichen Dank - ich empfinde das genau so. Und je körpernaher ein SM ist, desto mehr muss man anpassen!

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  4. Danke für die Piktogramm Tabelle. Praktisch, Zahlen vergesse ich sonst sehr leicht. Lg aus Wien

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  5. Vielen Dank für die Mühe und die ausführlichen Erklärungen- Die Piktogramm Tabelle ist prima .
    Super Post zu diesem manchmal nervenden Thema.
    Liebe Grüße Iris

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  6. Danke für Dein Erklärung... Ich finde es trotzdem irreführend wenn ein Schnitt als grösengerexhtcht beschrieben wird. Und selbst die Probenäherinnen dies bestätigen und sich nachher einfach rausstellt das diese auch größer nähen mussten....das ist mein Problem wenn man einen Schnitt hat in dem es noch Luft nach oben gibt.... Ich finde es besser wenn die Masse nach denen der Schnitt entworfen wurde mit angegeben sind vor dem Kauf, bzw auf die Web Site verwiesen wird wo man sie nachlesen kann.... Wenn mich ein Schnitt interessiert frage ich inzwischen nach und kann dann vergleichen.....denn gerade wenn es um die größeren Größen geht ist der Unterschied riesig... Leider.... Dies vielleicht einfach nochmals als zusätzlicher tip.... Liebe Schnittherstller gebt bitte die Masse, bze die Tabelle an nach denen ihr die Größen entwerft... Das hilft Enttäuschungen zu vermeiden....liebe Grüße und einen schönen Sonntag.....silke

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